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[erschienen in: Perlentaucher, 22.07.2015]

Die Kritik soll etwas finden ohne zu suchen. So beschreibt, wofür Literaturkritik stehen sollte, Wolfram Schütte in einem Essay für den Perlentaucher, in Anlehnung an Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre. Doch tatsächlich, lesen wir genau, findet die Kritik nicht, sondern bringt das, was sie suchen könnte und dann möglicherweise findet, selbst erst hervor. Und das nicht zur Selbstbefriedigung, sondern weil sie nach dem Besseren strebt. Das ist eine Haltung, klar. Um Haltungen ging es in der Perlentaucher-Debatte bislang kaum. Ekkehard Knörer hat ein paar wichtige Pflöcke eingeschlagen und Jan Drees hat zurechtEmphase eingefordert. Ansonsten aber wird so getan als wäre das, worüber geredet wird, nicht der Rede wert.

Kritik ist das Fluidum, über das jede und jeder verfügt, ob jung oder alt, dumm oder belesen, mit Codes und topaktuellen Blogs vertraut oder eben nicht, ganz egal, man muss es nur in das richtige, also irgendwie meinende Gefäß füllen. Wofür aber sind Literatur und Kritik da? Was müssen sie wollen, damit sie überhaupt da sind? Solche Fragen als überholten Anmaßungsmodus von Literaturkritikern zu verstehen, die an ihren Rezensionsformaten hängen, die keiner mehr will, könnte Teil des Problems sein, dem sich die Debatte widmet: Sie stellt nicht die Frage nach ihrem Gegenstand.

So wie die Literatur ihren Aggregatzustand wechseln kann, tut es auch die Kritik, je nachdem in welchen Medien sie stattfindet. Aber sie findet nur statt, wenn sie sich ihrer selbst bewusst ist, dessen, was sie will – auch dann, wenn sie weiß, dass es sich um ganz und gar vergebliche Hoffnungen handelt: zu verbessern und zu reparieren, was geschrieben und geredet wird, die Erzählungen zu verbessern, die Rhythmen, die Bilder, die Diskurse. Besser aber als was? Natürlich als das, was gerade vorliegt. Und nicht: besser als alles andere, oder: besser wie jenes eine Werk. Jedes Kriterium, das verabsolutiert wird, macht sich überflüssig. Denn tatsächlich geht es einer verbessernden und reparierenden Kritik um Wahrheit. Und jede Wahrheit ist vorläufig – bis zur nächsten Reparatur.

Von welcher Kritik ist hier die Rede? Kritik ist modus operandi, die Medien, in denen Kritik statt findet oder nicht oder nur schrumpfköpfig, sind die Praxis. Praxis kann man ändern. Und dafür hat Wolfram Schütte sich aus der Deckung begeben und einen konkreten Vorschlag gemacht. Man kann seine Diagnose unzureichend finden, das skizzierte Projekt rückwärtsgewandt. Das stimmt zum Teil, ist aber auch nicht wirklich relevant. Wie Nikola Richter (hier), Marcel Weiß (hier) oder Dana Buchzik (hier) mit einem “Alles so schön bunt hier” dagegen zu halten, kommt – ebenso merkwürdig wie bezeichnend – deutlich konservativer daher. Dabei meinen es ja alle natürlich nur gut. Selbst der harschen Zustandsbeschreibung von Jörg Sundermeier liegt die Melodie vom lebendigen literarischen Leben zugrunde, das eben nur durch ein “internetgemäßeres Schweifen” aufgepäppelt werden müsste. Metakritik im Konjunktiv oder die Rettung des Literaturbetriebs als Wunschkonzert. Aber was denn nun?

Muss der Betrieb gerettet werden oder die Kritik – oder gar die Literatur? Solche Allgemeinplätze als blinde Flecken haben in der Regel strategische Funktion. Alle, die sich in so einer Debatte zu Wort melden, setzen sich die Maske desoriginalen Individuums” auf, mit der sie sich zur Ware machen, also ihre Disponibilität anzeigen und ihren Wert ermitteln. Ästhetische Kategorien, die sich geschichtsvergessen unabhängig von diesen Strategien dünken, haben dem ornamentalen Dekor der Maskierung zu dienen. Welche Blüten das treibt, hat z.B. kürzlich Klaus Zeyringer im Standard am Beispiel der Kritiker illustriert, die nun auch Romane schreiben.

Hat die Literatur sich der Kritik entledigt? Hat der Vorwurf mangelnder Gegenwärtigkeit und Relevanz von Literatur etwas mit der Kritik zu tun? Wird so etwas wie Negativität vermisst, als Kontrast zu den schöpferischen Autoren? Dass sie sich erledigt hätte, kann nur ein Symptom sein. Zumal eines, das wir kennen und das zum kritischen Diskurs notwendig hinzugehört. Was sich geändert hat, ist die Funktion von Kritik. Die klassische kritische Öffentlichkeit der Aufklärung, die sich einmal entlang von Literaturkritik als normativem System entwickelt hat, existiert nicht mehr. Medien verschwinden, werden umgebaut oder neu erfunden. Es gibt mediale Koexistenzen und Verdrängungen. Damit verschieben sich auch die Einflusssphären. Was gedruckt wird, hat mit diesen Verschiebungen zu kämpfen.

Kritik könnte man sich aber auch anders vorstellen, als Veränderung, Verbesserung oder gar als eine eigene Kunst. Was nichts Neues ist. Wo allenthalben das Verschwinden der Kritik in Literatur, Film oder Kunst beklagt wird, ist nicht die völlige Abwesenheit von Kritik das Ziel, sondern die Bedeutung der Kritik für andere, für eine Gemeinschaft, ihre identitätsstiftende Rolle, die Diskurse anstößt und leitet. Wo es viele Meinungen und Stimmen gibt – und die gibt es in großer Zahl, wie auch Wolfram Schütte vermerkt; es gibt sie online in so großer Zahl, dass die Vermisstenmeldung gut auch als Konjunktur umgedeutet werden könnte. Genauso gut können wir fragen nach den Möglichkeiten des Kritisierens, das unsere Zeit erfasst, nach einer Kritik, die mehr ist als die Summe der einzelnen Teile.

Wir wollen atmen. So, dass alle es sehen. Und hören. Unter Umständen auch riechen und fühlen. Wir wollen frei sein und atmen. Nur so können wir glaubwürdig sein und sorgfältig. Nur so können wir lesen und schreiben. Nur so können wir so schreiben, dass wir auch gelesen werden. Aber reicht das aus? So lange die Kritik sich nur um die eigene Freiheit sorgt, wird die Luft zum Atmen dünner. Deshalb liegt die Betonung nun auf dem Wir. Wir setzen uns der Kritik aus. Kritik setzt den Diskurs in Bewegung. Wir lernen kennen, was uns fremd ist. Wir geben Kompetenz ab. Wir sind Gastgeber und werden zu Gästen.Kollaboration heißt, den anderen Kollaborateuren der Kritik die Kontrolle überlassen zu können. Vermittlung heißt, dass wir uns über einen Rahmen einigen, in dem diese Kollaboration möglich ist. Kritik wird zu organisierter, kontinuierlicher, kreativer Desintegration.

Ob gebloggte Feier eigener Lektürebetroffenheit oder Empfehlungsliste der unbedingt zu lesenden Bücher oder Phrasenschwamm im unter Anpassungsdruck dahin leidenden Printfeuilleton: Kritik emanzipiert sich von ihrer dekorativen Inanspruchnahme. Es geht der Kritik nicht um Dienstleistung oder Service, nicht um Fortschritt oder Schönheit. Das Werk der Kritik löst sich auf in vielfältige Verbindungen der gesellschaftlichen Felder, in denen Autoren, Verlage und Leser, Kritiker, Moderatoren und andere Vermittler aktiv sind und sich in ihren Traditionen und Konventionen mischen. Die Position der Kritik, aber auch ihre Verfahren werden von ihrer sozialen Funktion bestimmt.

Damit verändert sich auch der Gegenstand der Kritik. Es geht nicht mehr allein um Abgeschlossenes, Ganzes, um Werke, auch nicht immer notwendig um die Rekonstruktion der Entstehung eines Textes oder Kunstwerks. Kollaborativ wandelt sich Kritik u.a. zur teilnehmenden Beobachtung. Kritiker werden zu Gesprächspartnern, die ihre Gespräche, die Treffen und Zusammenarbeiten immer wieder neu aufnehmen, wiederholen, revidieren, in eine andere Richtung lenken, weil sie durch ihre Gesprächspartner etwas Neues lernen, weil neue Aspekte in den Blick geraten. Mit ihrem Interesse und ihrer Teilnahme können Kritiker auch Einfluss nehmen, ganz konkret etwas hinzufügen und verändern.

Wir setzen uns ab von der Hypokrisie und nehmen die Verunsicherungen von Wahrheit und Legitimation nicht als bloßes Entweder-Oder, als schlichte Alternative von gut oder schlecht ins Visier, sondern nehmen Anteil, werden Teil dessen, was wir kritisieren, maßen uns nicht eine subjektlose Objektivität an, sondern streben nach einer kollektiven Subjektivität. Kritiker werden zu Agenten, zu kollaborativen Reparateuren. Ihre Aussagen sollen überprüfbar sein, revidierbar, anschlussfähig und diskursiv. Sie forschen und beobachten. Die Wahrheit der Kritik ist ihre Praxis. Diese Praxis macht etwas sichtbar, was der schieren Autorität verborgen bleiben muss. Kritik als Machtinstrument ist im eigentlichen Sinne unkritisch. Was bleibt uns also zu tun? Kritik als Reparatur weiß es nicht besser, will es aber besser machen, will verbessern, wo es möglich ist. Und es ist ja immer möglich. Solche Kritiker sind immer auch Reparateure ihrer selbst.

Und nun auch noch die Wahrheit. Doch so groß ist sie gar nicht. Vielmehr ist sie wie bei der Wahrheit der Literatur ganz im Sinne eines sich selbst legitimierenden Brandings ein Alleinstellungsmerkmal der Kritik: Kritik erzeugt Wahrheiten (wenn man z.B. Wahrheit als den praktischen Nutzen von Bedeutung versteht). Kritik fügt dem, was sie beobachtet und beschreibt, etwas hinzu. Das ist es, was Kritik relevant macht. Die gegenwärtige Kritik der Kritik entzündet sich eigentlich daran, dass sich die beklagten Schwundstufen ganz und gar auf das Evidente verlassen, auf das Zählbare und das Konventionalisierte, und sich nicht den schwebenden Wahrheiten zuwendet, die ihre Lektüre zu erzeugen vermag.

Diese Wahrheiten sind notwendig, aber weißgott nicht selbstverständlich. Wo sie die Konventionen stören, wird ihnen Realität und damit Relevanz abgesprochen. Tatsächlich aber werden wir, wenn wir kritisieren – also lesen und reden und diskutieren -, von den Texten engagiert: sie machen uns zu den Subjekten, als die wir uns (gegenseitig) erkennen, sie machen uns zu denen, die etwas lieben oder auch abstoßend finden. Ihre Verwandlungskraft aber ist nicht für den Preis blasierter Reduktion zu haben. Sie verfügen über ihre eigene Realität. An die kann die Kritik, eine sich kollaborativ verstehende Kritik etwa, sich anschließen und sie verlängern, an ihr teilhaben. Dann kann sie etwas verändern.