Wir sind nur Geister derer, die wir sein sollten

© Danumurthi Mahendra, CC

Vor Schrecken starr läßt den Leser schon das erste Kapitel von James Hamilton-Patersons Roman „Die Geister von Manila. Wir tauchen ein in den schwärzlich-bräunlichen Dunst über der philippinischen Hauptstadt, wir landen mit der jungen Archäologin Ysabella Bastiaan, Tochter eines früheren britischen Botschafters auf dem International Airport. Doch schon gleitet der Blick des Erzählers ab an die Peripherie des Flughafens. Unter dem Getöse landender und startender Maschinen, inmitten des Gestanks von Abfallhaufen finden wir Wellblechhütten und andere schiefe Behausungen. Eine von ihnen stellt sich als Werkstatt heraus, in der Leichen, die regelmäßig von einem Polizeifahrzeug angeliefert werden, zu Skeletten präpariert und diese anschließend zu Demonstrationszwecken in alle Welt verschickt werden. Mit schier unerträglicher Genauigkeit, sachlich und ohne reißerische Effekte läßt uns Hamilton-Paterson an einer solchen Präparation teilnehmen. Daß hier die Opfer verbrecherischer Polizisten entsorgt werden, kann man noch nur ahnen. Die Größe der Erzählkunst James Hamilton-Patersons zeigt sich der behutsamen Textur, die in diesen furiosen Auftakt, in diesen Blick ins Herz der Finsternis, auf die Brutalität der postkolonialen Weltstadt Manila, einen Hauch von Teilnahme fließen läßt.

„Dies also sind die Lippen (die augenblicklich vom Zahnfleisch abgetrennt werden), denen seine Mutter die Brust gab; sie, die, wo auch immer, noch mehr Kinder haben mag; dies die Wangen, die sie gegen Hitzeausschlag puderte; dies das Gesicht ihres Sohnes (soeben in zwei Hälften geteilt und in den orangefarbenen Kübel geworfen), ihres Kindes, der Hoffnung der Zukunft, der Verzweiflung der Gegenwart. Dieses Gesicht, das nur ihm gehörte (…) wird auf den Müll geworfen.“

Des Autors Seziermesser entläßt das Opfer der Gewalt aus seiner Anonymität und erst so wird uns der Schrecken gewahr. Furchterregender kann ein Roman kaum beginnen. Dennoch haben wir es nicht mit einem Horrorkatalog zu tun, an dem wir unseren schrecklichen Genuß hätten. Brutalitäten dieser Art gehören zum Alltag in Manila, in einer von Korruption durchdrungenen Gesellschaft. Jeder und jedes hat seinen Preis. Und möglicherweise verhallen hier nur die Echos westlicher Importe. Nach den Essaysammlungen „Seestücke“ von 1995 über „Das Meer und seine Ufer“ und „Wasserspiele“ von 1997 über seine Zeit auf der kleinen philippinischen Insel Tiwarik erscheint mit „Die Geister von Manila“ der erste Roman des britischen Journalisten und Schriftstellers James Hamilton-Paterson auf deutsch. Es wäre schön, wenn nun auch die vorangegangenen Romane „Gerontius“, „The Greedy War“, „The Bell-Boy“ und „Griefwork“ bald folgen könnten. Außerdem gibt es Gedichtbände von ihm, einen Band mit Erzählungen, Kinderbücher. Lindenstraßen-Produzent Hans W. Geissendörfer plant derzeit eine Verfilmung von „Griefwork“. In „Die Geister von Manila“, im Original 1994 erschienen, ver sucht der frühere britische Dokumentarfilmer John Prideaux, Mitte Vierzig, sich in Anthropologie und will in Manila die kulturellen Bedingungen von Amok studieren. Neben Inspektor Rio Dingca, dem scheinbar einzigen halbwegs ehrlichen Polizisten von Metro-Manila, ist Prideaux die Figur des Romans, die ein Schicksal erhält, dessen Dimensionen sich von dem dichten Geflecht aus Momentaufnahmen und Geschichten lösen, als das Manila hier auftritt.

Wie Istanbul in Orhan Pamuks „Das schwarze Buch“ oder Oslo in Jan Kjerstads Roman „Rand“ spielt die Stadt eine Hauptrolle. Vor allem gibt sie dem Roman seine Form. Gleichzeitig und doch ohne sich zu berühren, verlaufen die Leben von Vic Agusan, dem Starreporter, der resoluten Slumbewohnerin Epifania Tugos und ihrer Familie, des ebenso falschen wie wortgewaltigen Paters Herrera oder von Rio Dingca, der inmitten von Korruption und brutaler Gewalt der Polizei-Kollegen sein kleinbürgerliches Vorstadtidyll zu wahren versucht und doch durch sein Mitgefühl mit den Bewohnern des Slums von San Clemente in den verhängnisvollen Verlauf der Ereignisse hineingezogen wird. Unmittelbar an das Hüttendorf San Clemente grenzt ein chinesischer Friedhof mit pompösen Grabmälern, unter anderem einer Familie, deren mafiosen Machenschaften der Slum schließlich zum Opfer fällt.

Kunstvoll knüpft Hamilton-Paterson die zahlreichen Fäden seines Romans immer dichter zusammen und läßt die Geister lebendig werden, als die die zahllosen namenlosen Opfer der Gewalt gegenwärtig sind. Für Inspektor Dingca sind Geister das, was nach einem gewaltsamen Tod übrigbleibt, die „verlorene Seele eines Ausdrucks, der ohne ein dazugehöriges Gesicht, geschweige denn mit irgendeinem Namen, in der Luft hing wie das permanente Grinsen eines Honigkuchenpferdes. (…) Wir sind doch nur Geister derer, die wir sein sollten.“

Es muß nicht als Fatalismus mißverstanden werden, wenn Rio akzeptiert, was in anderer Form Captain Melchior, ein sich im Slum von San Clemente versteckender, desertierter und verwirrt erscheinender US-Soldat zu John Prideaux zum Thema Amok sagt. Amok ist für Melchior die Konsequenz, wenn Zivilisation versagt. Die Feinde des Amokläufers stecken alle in ihm selbst. Was Prideaux erforschen will, ist für die Manilenos lokale wie alltägliche Realität und gerade deshalb nicht in Begriffsschablonen zu bringen. Unauflösliche kulturelle Widersprüche entlarven den Glauben an ein vorgezeichnetes Schicksal. Tatsächlich haben wir es mit Zufälligkeiten und Kompromissen zu tun und der vermeintlich zivilisierte Blick, der sich voller Schrecken an Verbrechen und Korruption in Manila, an der philippinischen Industrie der Kinderprostitution und ungehemmter Drogenkriminalität weidet, fällt auf sich selbst zurück.

„Für viele waren die Philippinen nichts weiter als ein Ort, den sich Männer aus Industrienationen zur Entleerung ihrer Samenblasen aussuchten, ebenso wie deren Regierungen Entwicklungsländer generell als geeignete Orte für die Entsorgung ihres Giftmülls ansehen. Hieraus entstand das Bild einer Weimarer Moralanarchie, die sie halb erwarteten und sich mehr als halb wünschten: Mütter, die die Beine ihrer Kinder erbarmungslos spreizten, um den Reichen das Eindringen zu erleichtern.“

Vor diesem Hintergrund wird Anthropologie zu Pornographie, zu einer „Sicht der Dinge, die naturgemäß zum Standbild tendiert.“ Hamilton-Paterson entwirft ein Portrait von der Nachtseite unserer zunehmend städtischen Zivilisation, das um so brisanter wird, als er – durch die Augen Prideauxs – die Konsequenzen vorführt, die der fremde westliche Blick aufwirft. Zunehmend enthüllt sich dieser Blick, erst noch durch anthropologische Begriffe scheinbar gesichert, als blinder Fleck, der verbirgt, was Prideaux immer auf Distanz zu den Schrecken gehalten hat, denen er – beispielsweise in Vietnam – beständig hinterher war. Erst als Prideaux zu verstehen lernt, daß sein Scheitern sich schon der Perspektive verdankt, kann er am Ende des Romans aufbrechen, um wenigstens noch zu versuchen, sich als Vater seiner in Südafrika studierenden Tochter zu beweisen. In Sehnsucht nach ihr, beginnt ihm – „widerlich, schändlich spät“ – klar zu werden, was es bedeutet, daß kein Mensch anonym ist.

Prideaux, der Mann mit dem Talent zur Abwesenheit, fühlte sich immer wurzellos: „dieses ständige In-Bewegung-Sein baute eine statische Ladung auf, die sich in unerwarteten Augenblicken in schmerzhaften Schocks entlud, als bläuliche Blitze im Dunkel und möglicherweise sogar in unkontrollierten Akten dumpfer Gewalt.“ Auf der Flucht vor sich selbst, das eigene Gewaltpotential ausblendend, war er tatsächlich voller Angst, und diese Angst hat wie ein Alpdruck alle Wahrnehmung verseucht: „Es gab kein Entrinnen, auch kein Ignorieren; und aus lauter Respekt davor hatte sich moderne Lebenskunst darauf reduziert, herauszufinden, wie man“ diesem Alp „entrinnen oder ihn ignorieren konnte.“ Daß die Gründe von Gewalt, die Prideaux aufdecken wollte, immer Teil persönlicher Geschichten, seiner Geschichte sind, kann schließlich nur die Sprache der Literatur, der Roman als Palimpsest zusammenführen.

James Hamilton-Paterson: Die Geister von Manila. Roman. Suhrkamp