Literatur und Relevanz

Die Karriere des Begriffs Relevanz in einem ebenso schnell wie leer drehenden Legitimationsdiskurs ist erstaunlich. Je weiter der Begriff in den Stand seiner grammatikalischen und damit auch semantischen Unmündigkeit getrieben wird, um größer die von jedem Kontext und Sprachgebrauch befreite Gegenwart in den um Legitimation ringenden Diskursen literarischer Öffentlichkeit. Der Duden markiert den Begriff als „bildungssprachlich“ und genau das ist Teil des Problems.

Abgeschnitten wird in der Regel der letzte Teil der Frage, wenn von der Relevanz an sich gesprochen wird. Wichtig, bedeutsam, relevant für wen? Relevant kann, was geschrieben wird, immer nur für jemanden sein, eher noch für eine Gruppe, oder relevant ist etwas für einen bestimmten Sachverhalt. Weiter ist diese Relevanz nicht nur abhängig von Akteuren, sondern auch von Ort und Zeit. Es spielt eine Rolle, wo etwas geschrieben und von wo aus gesprochen wird. Ebenso spielen Dauer und Gültigkeit eine Rolle. Soll das, was geschrieben wird, etwa ewig wichtig sein oder eher jetzt gerade? Morgen vielleicht auch noch? Und dann? Was kommt als nächstes? Diese tendenzielle Instabilität der Rede von der Relevanz wird meist missverstanden als Schwächung des Arguments.

Erstens also beruht der Gebrauch des Wortes, insbesondere dann, wenn es darum geht, Forderungen an „die Literatur“ zustellen, sehr häufig auf einem kategorialen Missverständnis. Über den alltagssprachlichen Gebrauch des Begriffes hinaus lohnt ein Blick auf die Verwendung in verschiedenen wissenschaftlichen Kontexten. Aus der Perspektive der Kommunikationswissenschaft etwa wird schnell deutlich, dass mit Relevanz eine skalierbare Qualität definiert wird, die das Ergebnis eines sozialen Prozesses, etwa eines Meinungsbildungsprozesses darstellt. Hier handelt es sich also um eine Relation, die in einem von bestimmten Parametern gebildeten Kontext Bedeutung generiert. Hier erhält der Begriff der Relevanz mit der Funkton der Wirksamkeit außerdem das deutlichere Profil eines Wertungsprozesses.

Die Soziologie dimensioniert den Begriff nach sozialen, sachlich-thematischen und temporalen Kriterien, also: woraus besteht z.B. die Zielgruppe einer Information, eines Textes etc. und wie groß ist diese Gruppe, was wird in einem Text verhandelt und welchen Veränderungen unterliegen seine Produktion und Rezeption? Wendet man diese Differenzierungen wiederum auf literarische Kommunikation an – zu der ich neben den Texten das gesamte literarische Feld zähle -, könnte man nun folgende Formel aufstellen:

L = f(I x R)

L: ist die Literatur, also verstanden als das Feld, in dem literarische Texte produziert und rezipiert werden

I: ist alles, was an Ko- und Kontexten in einem Text o.ä. enthalten ist

R: ist die Relevanz, die wiederum differenziert wird nach der Anzahl der an der literarischen Kommunikation Beteiligten; nach der Dauer dieser Kommunikation; nach dem Ort, an dem diese Kommunikation stattfindet; die quantitative und qualitative Intensität der Bezüge, die in der literarischen Kommunikation hergestellt werden; der räumliche, zeitliche und kommunikative Abstand zwischen allen, die an der Kommunikation beteiligt sind

Demnach gibt es Literatur oder literarische Kommunikation nur, wenn beide Variablen I und R positiv sind, also wenigstens größer als Null.

Ich versuche das an einem Beispiel zu illustrieren: Bei einer Lesungsveranstaltung an einem bestimmten Tag rezipieren bestimmte Menschen in einer bestimmten Dauer einen ganz bestimmten Text. Sie sind auf eine bestimmte Art gekleidet, heiter oder missmutig gestimmt, jedenfalls in einer bestimmten Verfassung. Alle sind sich vermutlich rasch einig, dass es sich hier um ein bestimmtes Ereignis literarischer Kommunikation handeln könnte, das einmalig im einfachen wie auch im weitesten Wortsinne ist.

Doch welche Bedeutung hat dieses Ereignis für die Literatur in ihrer angenommenen Gesamtheit? So viele Menschen haben nicht einmal Notiz genommen davon, dass das Ereignis überhaupt statt findet, oder dass es so etwas wie eine Lesung überhaupt gibt. Bezogen auf die größtmögliche Menge potenzieller Rezipienten kann die Relevanz dieses Ereignisses also nur klein oder gar nicht gegeben sein. Aber sehr viele Menschen könnten auch die schlichte Tatsache akzeptieren, dass es so etwas wie Literatur überhaupt gibt, auch wenn sie selbst keine Literatur rezipieren oder produzieren. So gesehen besitzt diese Literatur ebenfalls nur geringe Relevanz, weil es diese Information keine Differenz zu dem voraussetzt, was wir ohnehin schon wissen.

Das einzig wirklich wichtige an dieser Formel ist die Erkenntnis, dass sich Relevanz einer instabilen und vorläufigen Konstruktion verdankt und dass es sich um eine prozessuale Relation handelt.

Zweitens nun gerät die Relevanz der Frage nach der Relevanz von Literatur für die Gesellschaft, für die Gegenwart oder die Zukunft auf diese Weise in beträchtliche Schieflage. Das könnte damit zu tun haben, dass die Forderung nach Relevanz nicht nur nicht oder nicht genau weiß, was sie fordert, wenn sie nicht sagt, worauf sich diese Relevanz bezieht, und außerdem die Kategorien literarischer Praxis mit einer allein semantisch definierbaren Intentionalität ohne Kontext verwechselt, sondern diese Forderung ist gerade von dem auratischen Literaturbegriff abhängig, den sie kritisiert, sei es als abgehoben, elitär, marktkonform, selbstbezüglich oder stromlinienförmig.

Diese Etikettierungen bieten einen immerhin noch schwachen Abglanz der Heilserwartung, mit der Autorschaft und Werkbegriff mindestens seit der Erfindung des Genies aufgeladen wurden. Und wenn die metaphysische Währung nicht mehr so recht funktioniert, wird dieses Capture-the-flag-Spiel mit hierarchischen Kategorien wie oben und unten, arm und reich interpretiert und an vermeintlich redundante formale Muster oder Stereotypen gekoppelt. Ein gängiges Argument in diesem Zusammenhang ist die Forderungsvariante, die Literatur solle sich nicht länger selbst bespiegeln, nur entropisch für den sogenannten Literaturbetrieb schreiben, sondern sich relevanteren Themen zuwenden. Die vermisste Relevanz von literarischen Werken soll also nicht von der Gesellschaft geliefert werden, sondern von eben der Literatur, die dazu nicht in der Lage sei, weil sie nur in einer Schreibschulkäseglocke entstehe, verfasst von verwöhnten jungen Menschen, die noch nichts richtiges erlebt haben und sich auch für nichts so recht interessieren, was die Menschen umtreibt, die nicht das Verwandlungszauberwerk der Literatur zur Verfügung haben, um ihre Qualen zu sublimieren.

Immer bei diesen Szenarien kann (und muss) man fragen, wem oder welcher Sehnsucht die Kulisse eigentlich dient. Das ist bei so einem argumentativen Ouroboros nicht gleich zu erkennen. Doch selbst da, wo Themen, Sachverhalte, Befindlichkeiten etc. zu negativen Normen erklärt werden, also im vorliegenden Fall die Relevanz von Missständen, Ungerechtigkeiten, Unrecht, Unterdrückung oder auch nur lebensweltlicher Nähe beklagt wird, wird eigentlich an Gatekeeper-Funktionen appelliert, an Normen setzende Autoritäten, an einzelne Werke und Autoren, die mit ihrem kreativen Akt endlich ausmisten. Das ist kein romantisches, sondern ein autoritäres Verständnis von Literatur, das zu sehr am vermeintlichen Übel hängt, um es loswerden zu können.

Der nächste Schritt, der nötig wäre – wenn man mal probehalber diese Zustandsbeschreibung für einen Moment akzeptieren würde, um aus dieser mechanistischen Perspektive herauszukommen und eben diese Hierarchien aufzubrechen –, bleibt aus. Ein solcher Schritt könnte zunächst sein, Literatur als Praxis zu verstehen, als soziale Praxis, also als einen Komplex von untereinander verbundenen Handlungen, die bestimmte Fertigkeiten und Wissen voraussetzen und die zum Ziel haben, bestimmte in diesen Praktiken enthaltene Eigenschaften zu erreichen. Das wären also zum Beispiel ein bestimmter Stil oder Spannung oder auch Widerspruch. Diese Praktiken können auch externe Eigenschaften haben wie Reichtum oder Ruhm. Die Regeln und Kategorien, nach denen diese Praxis der Literatur geschieht, sind nicht notwendig explizit, sondern immer Teil der Geschichte dieser Praxis. Und das heißt ganz schlicht, dass es nie aufhört mit dem Aushandeln, welche Interpretationen, Kategorien und Standards gerade relative Gültigkeit beanspruchen können sollen. In dieser Praxis wird konkurriert und gestritten, erweitert, übertrumpft, revidiert, revolutioniert undsofort. Man nennt das auch Vielfalt und zwar eine Vielfalt, die keine wahre Literatur braucht, die nicht den bestimmten Artikel forciert, sondern lieber unbestimmt bleibt. Motor und Klammer dieser Geschichte ist, dass sie eine gemeinsame Geschichte ist, die sich in der Praxis realisiert.

Literatur oder literarische Kommunikation ist also eine komplexe Praxis, die sich aus vielen verschiedenen Spielarten und Akteuren zusammensetzt, aus Gattungen etwa, die wiederum eigene spezifische Praktiken generieren, deren Komplexität den anderen Komplexitäten nicht nachsteht. Diejenigen, die an dieser Praxis teilhaben, können sich mit Literatur identifizieren, ohne länger so etwas wie das Wesen der Literatur oder andere Chimären begreifen zu müssen. Die Praxis der Literatur identifiziert ihre Werke und Autoren und Leser und Hörer und Zuschauer. Denn der Praxisbegriff dehnt sich über die Artefakte von allem aus, was an dieser Praxis literarischer Kommunikation beteiligt ist. Das führt zu einer Wahrnehmung literarischer Produktion und Rezeption, die auch das noch als offen erkennt, was nach je eigenen poetologischen Maßstäben verschlossen, insiderhaft oder gar hermetisch sich versteht. Die Wahrnehmung als Praxis geht von der Unmöglichkeit aus, dass Literatur definitorisch oder historisch narrativ abschließbar, zu erledigen wäre. Diese Offenheit der Praxis ist gerade die Bedingung von Literatur. Das ist, wenn man es genau nimmt, nur eine Binsenweisheit. Denn wie sonst sollten Fülle und Vielfalt aller Phänomene, von denen wir wissen oder auch nur annehmen, dass es sie gibt, vollständig darzustellen sein. Selbst wenn es ginge, käme mit ziemlicher Sicherheit dabei die langweiligste Geschichte unter der Sonne heraus.

Vor allem wäre zu fragen, wofür eine eindeutige Zuschreibung, welche Funktion oder Bestimmung Literatur haben soll, eigentlich gut sein soll. In einer prozessualen Auffassung von Literatur als Praxis, als sozialer Praxis allzumal, wird, was als Literatur oder was in Literatur gelten kann, den immer vorläufigen und instabilen Entscheidungen der Praxis überlassen. Jede Festschreibung kappt diesen Prozess – oder glaubt jedenfalls, das tun zu können. Denn tatsächlich setzt sich die Praxis leichthändig darüber hinweg.

Die Realismusforderung etwa ist eine solche reduzierende Definition: Literatur soll zeigen (also nachahmen), was schon gezeigt wurde. Wenn Literatur realistisch sein, also Auffassungen der sogenannten Wirklichkeit reflektieren, also spiegeln soll – in der Annahme, dass Wirklichkeit kein Konzept ist, sondern etwas, das sich spiegelnd abbilden lässt -, folgt dieser Imperativ einer Auffassung von Realität als etwas Unveräußerlichem, in dem so etwas wie eine Notwendigkeit schlummert und das man ehemals als dem empirischen Verstehen unzugänglich verstanden hat. Nun aber soll in diesem Reflexionsakt eine wahrhaft gültige Repräsentation der Wirklichkeit erstellt werden, die Gültigkeit und Verbindlichkeit beanspruchen kann über den Tag hinaus und fortan bestimmt, was als richtig verstanden gelten soll. Tatsächlich aber muss diese Forderung permanent revidiert werden, da sich der repräsentierte Gegenstand (der überdies bekanntlich nicht mit sich und dem, was er repräsentiert identisch ist) verändert. Das heißt letztlich nur, dass wir es mit einem Prozess zu tun haben, der nicht aufhört, und zwar deswegen, weil Repräsentation auch nur eine Praxis ist.

Lange Zeit ist die Praxis der Literatur als Poetik verstanden worden. Einige Jahrhunderte und eine auf ihre spezifischen Praktiken orientierte Mediengeschichte waren – und sind – notwendig, um der Poetik auch einen Begriff von Literatur als Erfahrung an die Seite zu stellen. Erfahrung meint hier Erziehung, Einfluss, Gebrauch und alle denkbaren Formen der Rezeption. Der entscheidende Schritt hin zu einer sozialen Poetik ist, diesen Erfahrungsraum literarischer Kommunikation als schöpferische Praxis zu verstehen. Leser schaffen und rekonstruieren, was Autoren konzipiert haben. Und umgekehrt. Die Grenzen verlieren für eine analytisch hierarchisierende Perspektive an Bedeutung, weil beides Teil der Praxis ist.

Natürlich hat auch diese Argumentation eine Tendenz zum Zirkelschluss, wenn sie die Praxis mit der Praxis erklärt. Eine Theorie der Literatur als Praxis, wie man eine Soziale Poetik untertiteln könnte, wird ja durch die Praxis hervorgebracht und konstituiert sie zugleich. Dann aber kann eine solche Theorie die Kontingenz der Praxis gar nicht fassen, sondern fällt schlicht mit ihr in eins. Man kann diese mögliche Kritik aber abmildern, wenn man das Theorie-Praxis-Verhältnis nicht länger unter hierarchischen Prämissen betrachtet, sondern akzeptiert, dass es der Praxis hilft, sie zu entwickeln und zu verbessern. Soziale Poetik kann dann eher als Modell verstanden werden, als Experimentierfeld und Labor, aus dem Vorschläge für Veränderungen der Praxis kommen.

In diesem Kontext von sozialer Praxis zu sprechen ist eigentlich redundant, da das skizzierte Verständnis von Praxis eine soziale Funktion immer schon mit einschließt. In der Praxis von Literatur wird gemeinsam etwas produziert und erfahren. Modellhaft konstituieren sich dafür Kollektive, die in vielfältiger Weise kollaborativ zusammenarbeiten. Der Modellcharakter kommt hier immer stärker zum Ausdruck als wenn das jemand allein versucht. Das Modell der Kollaboration ist der Gegenstand einer sozialen Poetik.

„Die Höhe des q-Wertes spiegelt die soziale Nähe der Beteiligten einer Produktion. Ein sehr hoher q-Wert bedeutet demnach einen höheren Grad an Nähe, d.h. alle kennen sich untereinander und stammen aus demselben Fachbereich. Wird eine Produktion mit einem komplett neu zusammengestellten Team umgesetzt, so ist der Wert sehr gering. Brian Uzzi, ein amerikanischer Soziologe, beschäftigte sich damit, wie Zusammenarbeit aussehen sollte am Beispiel von Musical-Produktionen und fand heraus, dass das kreativste und erfolgreichste Team im Sweet Spot des q-Wertes liegt, also nicht zu niedrig und nicht zu hoch. Ergo: Außenstehende miteinzubeziehen, ergibt die ideale Mischung einer Teamstruktur. Sie sind sozusagen das Sahnehäubchen einer bereits bestehenden Gruppe, neue Ideen werden aufgenommen, man fühlt sich wohl ohne sich zu wohl zu fühlen” (Aus: „After After Effects. Anmerkungen zu Litradio Live bei Prosanova 14“, kollektive Reflexion der Litradio-Redaktion, unveröffentlicht, 2014).

Folglich lässt sich obige Formel präzisieren:

formel

Es geht in dieser Formel um eine Dynamik, die sich anhand bestimmter und jeweils aktuell zu bestimmender Kategorien beschreiben lässt: Quantität, Dauer, Frequenz; eine daraus abgeleitete Funktion angewendet auf Individuen und dann auf ein Aggregat von Individuen führt, wenn man es positiv wendet, zu einem disruptive empowerment der Gruppe: d.h. dass sich eben keine quantitativen Relationen daraus ableiten lassen (die sich dann als qualitative ausgeben), etwa wie je-mehr-desto-weniger, sondern Disruptionen immer vertikal und horizontal die vorhandenen Strukturen durchlaufen und dadurch für Bewegung sorgen; anders gesagt: das Verschlafen und Zuspätkommen des einen sorgt für Druck und Aktion bei zwei anderen, die neue Notwendigkeiten und Situationen schaffen, die es anders nicht gegeben hätte. Indem ich solche Verläufe aber immer nur retrospektiv beschreiben (und reflektieren) kann, genealogisiere ich die Disruptionen und entkleide sie so nachträglich ihrer dynamisierenden Funktion; die kann und muss ich andererseits nicht glorifizieren, sondern schlicht zur Kenntnis nehmen, um im Sinne einer relevanten sozialen Poetik aktuell agieren, entscheiden, planen, etc. zu können.