krampfig an den rand geschmiegt

By Karl Bauer [Public domain], via Wikimedia Commons

Karl Wolfskehl ist als Dichter nahezu vergessen. Als einer der ersten im Kreis um Stefan George, als Barock-Spezialist, Schwabinger Bohemien, jüdischer Hymniker wurde und wird er nur am Rande wahrgenommen. Das hat Tradition. Hugo von Hofmannsthal schrieb schon 1897 an George, daß er zu den Dichtungen „von Herrn Wolfskehl … weder früher noch später eine wahre Beziehung finden” könne, gleichwohl ihm George „die dunklen gluten” von Wolfskehls Dichtungen anpries. Doch das gelang ihm nicht allzu lang. Dazu war Wolfskehl eine zu eigenartige, eigenständige Erscheinung, nicht in das eitel-nervöse Autoritätsschema Georges einzuordnen, dessen Gehabe sich über die Jahre so viele dankbar anzupassen suchten.

Wenn er in den einschlägigen Nachschlagewerken überhaupt auftaucht, dann durch seine Beziehung zu George oder als eine der letzten Figuren der Geistesgeschichte dieses Jahrhunderts, in denen deutsche und jüdische Tradition noch scheinbar unauflöslich miteinander verbunden sind. Allein in solcher Alternative liegt ein Grund für das Vergessen, für die nur noch in Nischen sich fügende Wahrnehmung dieses intellektuellen Kontinents. Zu widersprüchlich war seine geistige Topographie, um je für nur einen Weg Orientierung bieten zu können. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde er an den Rand gedrängt, symbolisch auch geographisch, nach Neuseeland, wo er die letzten Lebensjahre im Exil verbrachte. „Ich friere wo im andern Ozean: / Fremd mut ich, muten mich die Menschen an.” In einem der letzten Briefe schreibt er: „ich habe nicht geschlafen. Ich habe viel durchgemacht.”

Unabsehbar hat Wolfskehl literarische Traditionen und Begegnungen in sich aufgesogen, ohne Anstrengung, aber auch ohne das Bemühen, eine bestimmte Richtung zu verfolgen, eine andere als seine eigene, unruhig umherschweifende Neugier zu stillen. Mit Martin Buber, dem jüdischen Religionsphilosophen, verband ihn Freundschaft ebenso wie mit dem reaktionären Untergangsphilosophen Oswald Spengler. Offensichtliche Widersprüche und Gegensätze waren für Wolfskehl jedoch wenig Anlaß zu Selbstzweifel, als vielmehr Bestätigung seines unerschöpflichen Fassungsvermögens. Übergroße, bisweilen erstickende Lust am Exquisiten, Entlegenen, dem man weder folgen kann noch mag, bestimmt seine, wie er es nennt, „Tracht”. Selten verließ Wolfskehl den Kreis von Eingeweihten. Die formal-ästhetische Überdüngung in Brief und Werk ist nicht zuletzt ein Echo seiner ganzen sperrigen Existenz. Eine ihrer erstaunlichsten Eigenschaften war die nie nachlassende Lebnswut, mit der er sich alle Widerstände zu eigen machte, ohne sich je anzupassen. Der Archäologe Ludwig Curtius hat den groß gewachsenen, mit Bart und langen Haaren ausgestatteten Wolfskehl im München der Jahrhundertwende beschrieben: „Er erschien mir zuerst chaotisch, und ich fand in ihm mich nicht zurecht. Denn wenn er in ungehemmtem Redefluß zuerst ein mittelalterliches Gedicht vortrug, um von diesem auf ein indisches überzugehen, von diesem aber auf die Sappho und einige Verse aus der Ilias erläuterte, nachher aber Bemerkungen über Dostojewski hinwarf und, während ich mir dies überlegte, schon bei Mallarmé angelangt war, um zuletzt Georges Verse zu preisen und in bitterem Zorn über die Gegenwart auszubrechen, war das Zentrum schwer zu finden.”

George nannte ihn den „fänger unfangbar” und das scheint als Diktum bis heute zu gelten. Im Blick auf Wolfskehl als eine bemerkenswerte, durchaus mit Verführungskräften ausgestattete, aber in ihrem Wesen unbegreifliche, immer schon kurios anachronistisch wirkende Figur, wird seine Bedeutung als Dichter schlicht suspendiert. Und seine Lyrik, seine Essays und das umfangreiche Briefwerk sind in der Tat ohne Zentrum, vielstimmig: In ihnen herrscht Überfluß statt Reduktion, sie sind voller Gegensätze und Spannungen, rauschend verworrenes Wortgeprange und anrührend dichte Anteilnahme verkreuzen sich in einem Werk, das sich den Kategorien entzieht. Not und Verwüstung der deutsch-jüdischen Geistestradition, wie sie Leben und Werk Wolfskehls exemplarisch vorführen, bekommen wir gar nicht mehr in den Blick.

Der 1869 geborene Wolfskehl kam aus einer alteingesessenen, wohlhabenden jüdischen Familie in Darmstadt. Mit nicht wenig Koketterie erzählte er, als Beleg für seine tiefe Verwurzelung ins Deutsche, daß seine Vorfahren schon unter Karl dem Großen am Rhein angesiedelt worden seien. In späten Dichtungen hat Wolfskehl die Verwerfungen und Schreckensspuren, die diese mythische Identifikation durchziehen, reflektiert. „Für ein Jahrtausend / Saß ich am Rhein, in Ried und Städten hausend, / Im Dienst des Herrn – der Herren, hoffend, grausend. / Am Frankenrhein sog ich lateinischen Hauch, / In Rheins Wein löscht ich, mit der Väter Brauch / Das Sabbathlicht. Den Kaisern zugehörig. / Heimlich und aufrecht, weltweis gottestörig / Verblieb ich, jüdisch, römisch, deutsch zugleich.”

Wenig Gram verschwendet Wolfskehl auf die untrennbare Verschränkung dieser kulturellen, in Deutschland von 1933 an auch offiziell als unverträglich gebrandmarkten Identitäten zu seiner eigenen. Das Ungefüge und Unfaßbare an Karl Wolfskehl, das je nach Bedarf auch schrullig und verschroben genannt wurde, solitär, außergewöhnlich, unstet und eruptiv – das alles bezeichnet zugleich auch die immer noch große Schwierigkeit, der Auslöschung jüdischer Kultur das Gegenbild der Wirklichkeit abzugewinnen, in der deutsche und jüdische Identität nicht widerspruchsfrei, aber so unauflöslich verflochten sind, daß nur Gewalt sie trennen kann. Daß der Jude Wolfskehl über Jahre mit den erklärten Antisemiten Ludwig Klages und Alfred Schuler intensiven Austausch in der berüchtigten ‘kosmischen Runde’ pflegte und zur gleichen Zeit Kontakte zum aufkommenden Zionismus knüpfte, muß uns heute unbegreiflich vorkommen. 1914 schreibt er für eine zionistisch gesinnte Anthologie den Aufsatz „Das jüdische Geheimnis“ und formuliert dort zum ersten Mal den Versuch, die eigene Zerrissenheit im Judentum widerzuspiegeln: „Zahllose Wege, dunkel das Ziel. Unendlich das Wirken in die Weite, unendlich die Vereinsamung. Mehr ist nicht auszusagen, das daß hier das durchaus Antithetische Wesen wird. … Gott ist diesem Wesen fern und nah geblieben, nie so eins mit ihm, daß er es ganz schmelze, ganz übergehen ließe in das Andere Reich, nie so abgewandt, daß es in Schutt und Scherben zerfalle, daß es untergehe.” Gelitten hat Wolfskehl darunter, daß er offenbar aus dem Geflecht der Identitäten keine Form gewinnen konnte, die unabhängig von seiner Persönlichkeit, als ‘reine’ Dichtung Bestand gehabt hätte. In dieses ewig Unfertige seiner Existenz hat sich Wolfskehl, so scheinen es seine späten Briefe aus dem Exil zu sagen, gefügt. Von heute aus läßt sich das anders beurteilen und ein faszinierendes Masken- und Metamorphosenspiel beschreiben, dessen Triebkraft allein bei Wolfskehl liegt. Dazu haben Cornelia Blasberg und Paul Hoffmann eine Auswahl aus seinem Werk vorgelegt, deren Reiz vor allem in der Auflösung der traditionellen Gattungen liegt, indem sie chronologisch Briefe, Gedichte und Aufsätze aufeinander folgen läßt. Das führt die Vielstimmigkeit Wolfskehls, auch seine hochstilisierte Atemlosigkeit plastisch vor Augen. Nicht selten werden Gedichte und Briefe, die der zuletzt nahezu vollständig erblindete Wolfskehl diktierte, von demselben rastlos-emphatischen Gestus beherrscht. Dieses In- und Nebeneinander, stark rhythmisiert und mit den Preziosen entlegenen Vokabulars durchsetzt, hätte allerdings umfangreicher ausfallen dürfen. Gerade auch die Kommentierung hätte hier präziser und weniger beliebig sein müssen.

Vor allem Anverwandlungen von Mythischem charakterisieren schon früh Wolfskehls Interessen. Er studierte Ältere Deutsche Philologie, Religionsgeschichte und Archäologie und promovierte 1893 über ein für die Zeit untypisches Thema: „Germanische Werbungssagen”. Es geht um den Gott Odin, der in Frauengewändern umhergeht, um Geschlechtertausch, Masken und Verwandlungen. Als Sprach- und Schreibmaske dient ihm von Beginn an die mythische Bilderwelt. Zum Dichter fühlt er sich erst berufen durch die Begegnung mit Georges frühen Gedichten, 1893 dann durch die Begegnung mit dem nur ein Jahr älteren Dichterpriester. So verschiedene Lyriker wie Gottfried Benn, Paul Celan oder Helmut Heissenbüttel sind durch George stark beeinflußt worden. Der Impuls scheint, wie bei Wolfskehl, immer ähnlich: Georges ästhetizistisches Programm einer ‘reinen’ Dichtung verspricht Halt in heilloser Zeit. Doch durchaus verschieden, was daraus hervorgeht, und auch der unstete Wolfskehl, der sich zeitweilig bis zur Selbstverleugnung Georges Diktion unterwirft, kommt schließlich, vor allem durch die Auseinandersetzung mit seinen jüdischen Bindungen, zu einem selbständigeren Ausdruck.

Wolfskehls Anpassung an den immer „Meister” genannten George ging so weit – und das kennzeichnet seine zwischen Überschwang und Einsamkeit gespannte Existenz –, daß er sich bisweilen gar vorschreiben läßt, wen er in seinem Hause empfangen, mit wem er Kontakte pflegen dürfe. Ein Raum, das sogenannte „Kugelzimmer” in Wolfskehls Münchener Wohnung, wo er mit väterlichem Vermögen ausgestattet privatisierte, wurde ganz nach Georges Vorstellungen eingerichtet, damit dieser angemessen in München logieren konnte. Liest man Wolfskehls wiederholte Aufsatz-Huldigungen an den „Meister”, wird deutlich, daß er in George verkörpert sah, was für ihn selbst immer nur Maske bleiben konnte, eine Selbstbeschreibung im blendend-strahlenden Negativ: „Selbstsichere Strenge, die jedem rohen Ausbruch, jeder Leidenschaftlichkeit abhold, das Tiefste glühend und rein empfindet, die aus dem Gewirr der Erscheinungen das Wesentliche mit unbeirrtem Blick zu finden, mit fester Hand zu fassen und mit bildnerischem Können zu formen trachtet. … Mit dieser Herrengeste wird die Außenwelt abgewiesen: Nur in bewußter Abkehr von der grellen Wirklichkeit vermag die verfeinerte Seele sich zu behaupten.”

George sah in Wolfskehl einen wichtigen und nützlichen Mitarbeiter seiner „Blätter für die Kunst“, vor allem aber einen Vermittler, der ihm durch sein extrovertiertes Auftreten zahlreiche neue Kontakte verschaffen konnte, einen Propheten zu Lebzeiten. Bezeichnend dafür ist Wolfskehls Versuch, Detlev von Liliencron und Richard Dehmel, die George aus diversen Gründen als Gegner betrachtete, für den „Meister” und seine Auserwählten zu gewinnen, wovon er brieflich berichtet: „Für Sie und die ‘Blätter’ hat [Dehmel] großes und wie ich sicher glaube ungeheucheltes Interesse. Dennoch ist es gut wenn Sie Distanz halten. Wir dii minorum dürfen einen Grenzverkehr unterhalten, der Olympiern nicht wohl anstände – vielleicht noch nicht, doch darüber lässt sich brieflich nichts sagen.”

Lange ist der unbedingte Glaube an die Kraft der Mythen, daß alles vorherbestimmt sei, auch eine Wahrnehmungsfalle für Wolfskehl. Er betätigt einen Schutz- und Abwehrmechanismus von volltönender Rhetorik, die gleichsam gegenstandslos ist, ungreifbar und befremdend in ihrer Überwältigungsgeste, in den frühen wie den späten Dichtungen: „Hast All und Eines so dir eingerostet – / Geschehn, Welt, Gestern: Zelles wirds, Heut und Ich – / Von Osten letztem Anhauch dich ent-ostet, / Der Untergänge jeden vorgekostet, / Begreifst du daß der Aufgang von dir wich?”

Abgehetzt, in ganzen Folgen raunend-gegenstandsloser Nomina konkurrieren Anstrengung und Vermögen zum Nachteil der formalen Geschlossenheit, die erst die Dauer verleiht. Wolfskehls gestische Dichtung gibt vor, von Geist und Sinn erschöpft zu sein. Reichtum und Verschwendung liegen hier ganz dicht beieinander. In der vor allem für sein spätes Werk typischen Beschwörungshaltung verliert sich das im Überfluß vorhandene Wissen zum Rinnsal. Selten dürfte jemand so unfähig gewesen sein, mit seinen Möglichkeiten halbwegs ökonomisch umzugehen. Bei allem Wissen und aller handwerklichen Meisterschaft bleibt der Glaube an Form als bloße leere Phrase zurück. Was aus heutiger Sicht in erster Linie Wolfskehls späte Lyrik bedeutend macht, ist die Musikalität, mit der sie das Paradox ihrer nimmermüden Verzweiflung vorträgt, ihr verschattetes Bewußtsein der Vergeblichkeit eines Bemühens um den Zusammenhang noch der eigenen deutsch-jüdischen Identität. „Wüßtet ihr was ich weiß, / Euer Lachen klänge leis, / Leis wie vertrocknetes Weinen / Über Grabsteinen, / Wo die Schrift verblich – / „Was weißt du? Sprich!” Wüßtet Ihr was ich weiß / Euch ränne kalter Schweiß / Über Stirn und Lider, / Euch schlotterten die Glieder / Wie vom Rutenstrich – / „Was weißt du? Sprich!” Wüßtet ihr was ich weiß, / Euer Gesicht wär weiß, / Ihr kämt in wimmelnden Haufen / Aus euren Häusern gelaufen, / Alles ließet ihr im Stich – / „Was weißt du? Sprich!” … Blind du für den. / Taub du für den. / Stumm du für den. / Alles ein Geseufz‘, ein Gesehn‘, / Leeres, leeres Gesehn‘. / Keiner für keinen. / Qual, nicht Weinen – / Nein! Nur Nein! / Hohles Totengebein, / Ohne Schrein / Seh ich im Sturm verwehn / Klappernd querfeldein: / Im Sturm der aus dem Winkel kroch, / Im Sturm der großen Rachewoch, / Im Sturme SEIN! / „Sprich nicht, du! Schweige doch!” All das und mehr, ihr Geschmeiß, / Wein wärs, darnach euch lüstet, / Honig wärs euch, wenn ihr wüßtet, / O! wenn ihr schon wüßtet, / Leben müßtet, / Sterben müßtet, / Grün oder greis, / Was ich weiß! Was ich weiß!”

Nach einer gewissen Entfremdung hat sich Wolfskehl durchaus kritisch vor allem zum Verhalten einiger George-Jünger und ihrer Duldung durch den „Meister” geäußert, an seiner grundsätzlichen Verehrung jedoch nie einen Zweifel gelassen. Dabei hätte er allerdings Grund gehabt, über die Ignoranz der allzu verfeinerten Sinne des „Meisters” verärgert zu sein. Durch den ersten Weltkrieg, an dem der auch nationalistisch gesinnte Wolfskehl anfangs begeistert teilnehmen wollte, aufgrund seiner starken Kurzsichtigkeit jedoch abgelehnt wurde, verlor er den größten Teil seines Vermögens und mußte nun mit journalistischer Tätigkeit für einige Münchener Redaktionen den Lebensunterhalt für sich und seine Familie bestreiten.

Zwischendurch war er auch drei Jahre als Hauslehrer bei der Baronin Münchhausen in Florenz. George, selbst nie in der Verlegenheit, sich um Brotarbeiten bemühen zu müssen, betrachtete solche prosaischen Arbeiten als eines wahren Dichters unwürdig und machte daraus gegenüber Wolfskehl auch keinen Hehl. Dieser war sich seiner Not bewußt, über zehn Jahre schrieb er keine Gedichte, suchte ständig nach neuen Auswegen aus der von ihm als existenziell empfundenen Krise, fragte gar den befreundeten niederländischen Dichter Albert Verwey nach einer möglichen Anstellung als Verwalter oder Faktotum auf dessen Plantagenbesitz in Übersee. Und doch kommt Wolfskehl über die profanen Zweifel zu einer dichterischen Selbstausleuchtung, in der ihm die Konturen seiner Autorschaft klarer zu werden beginnen, so beispielsweise in einem Essay zum Problem des Übersetzens: „Aeußerste Zuspitzung und Verfeinerung des kritischen Vermögens und unbeschränkte Freiheit in den Mitteln sind Voraussetzungen zur Wiedergabe. Aeußerste Bewußtheit, bis zur Bewußtlosigkeit …, Strenge, die Spiel wird, lächelnde Gewalt. Völlige Gesetzlichkeit des Vorgangs, nicht eine einzige Regel. Es ist wie mit den Armeebefehlen großer Feldherren: ihr habt zu siegen, das Wie? ist eure Sache. Keine einzige Regel.”

Die Zuspitzung zielt auf unvermittelte Widersprüche, die nicht aufzulösen sind, sondern emphatisch und rhythmisiert und ohne Unterlaß hervorgebracht werden müssen, wie in dem Gedicht Ich: „Nun muss ich krampfig an den rand geschmiegt / Das andre und mich andren ganz verlieren. / Noch wie ein schütteres flimmern ferner stadt / Noch wie blutswellenschlag abends vorm einschlaf / Noch wie den lezten liebesblick beim abschied / Abdrängen alles, nichts mehr bleibt! Wahn flamme / Versprühn, der kelch birst bittersüssen weins. / Die lippen fasern, nebelbilder, meins / zerreisst wie todesschrei von tieren.”

Die lebenslange Überdehnung der eigenen Existenz findet tragischerweise bei Wolfskehl erst zu einem dauernden dichterischen Ausdruck, als er seine Heimat verläßt, verlassen muß. 1933, in dem Jahr, als sein erfolgreichster, in mehrere Sprachen übersetzter Gedichtband „Die Stimme spricht“ erscheint, flieht Wolfskehl erst in die Schweiz, bleibt dann bis 1938 in Italien. Durch den Verkauf seiner umfangreichen und wertvollen Bibliothek – Wolfskehl war lange führendes Mitglied der Deutschen Bibliophilengesellschaft – kann er sich eine schmale Leibrente sichern. Im Mai 1938 besteigt er ein Schiff nach Neuseeland, wo er trotz Krankheiten, Armut und zunehmender Blindheit ein umfangreiches Spätwerk beginnt. Seiner Lebensgefährtin Margot Ruben diktiert er die Gedichtzyklen „Mittelmeer“, „INRI“, „Hiob“ und „An die Deutschen“ und vor allem zahllose Briefe. Es scheint ein zunehmendes Kreisen im leeren, haltlosen Raum zu sein, so ganz aus der alten Welt, zu der er seine fernen Signale schickt, als er – den Gedanken an eine Rückkehr aufgegeben –, 1948 stirbt.

Aus der Zeit gefallen, unangepaßt und abseits: Anders läßt sich das Drama Karl Wolfskehls, das sich diesseits des Pathos-Vokabulars abspielte, mit dem er sich zu transzendieren suchte, wohl auch nicht verstehen: „Und ich, zuckend und fast widerstrebend gehorsam, fühl ich, der Mitwalter, Mithüter des deutschen Geistes, ich mich dazu bestimmt, das lebendige, ja das schaffende Symbol dieses Schicksals darzustellen. Seit jenem Augenblick steht alles was ich bin, was ich füge, unter dem ewigen Namen Hiob, seitdem ich bin, leb ich, erfahr ich Hiob. Alles, was seitdem entstand, führte diesen Namen, oder, auch wo es abseits gewachsen scheint, ist es von ihm durchweht.”

Karl Wolfskehl: Gedichte. Essays. Briefe. Wallstein