By Doris Antony, Berlin (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0-3.0-2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons

Django stellt keine Fragen

Vor vielen Jahren schrieb der Freiburger Philosoph Ludger Lütkehaus ein Pamphlet gegen den asozialen Fetischismus der deutschen Autofahrer und ihre Zwangsneurose der Geschwindigkeit. Ihr Credo lautet: ”Mein Auto ist Alles und alles andere Nichts!” Sie bestehen nur auf ihre Rechte und werfen die Pflichten über Bord, um eine gesteigerte Form von Wirklichkeit erleben zu können. Die abgründige Dummheit dieser speziellen Form von automobiler Seinsgläubigkeit und gleichzeitiger Nichtsvergessenheit gehorcht nach Lütkehaus dem Stauprinzip: ”Nichts geht mehr.” Das ließe sich treffend umformulieren zu der Maxime: Es geht nichts über das Nichts – wo eben...

By Amrei-Marie (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Herbst, Herbst, Herbst

Könnte ich ein Land sein, / ich wäre Irgendland. / Du das Irgendmeer. Wie wahr. Könnte ich irgendwo / wohnen, ich wohnte da mit dir. Könnte ich irgendwann / wohnen, es wäre Herbst, / Herbst, Herbst. Gibt es eine Melancholie des Überlebens? Die noch dazu um Sachlichkeit bemüht ist und als Temperament den Bedacht gewählt hat, hinter dem es tobt. Mirko Bonne hat, nach zuletzt zwei Romanen, nun seinen dritten Gedichtband mit dem Titel "Hibiskus Code" vorgelegt. Den Rahmen für das Buch gibt die Blütenfolge des Hibiskus, Vergänglichkeit als Zeitfenster....

Die Spaltung

Man kann dieses Buch anschauen und man kann es hören, man - laut - versuchen es zu lesen. Jede stille Lektüre aber ist unmöglich. Die Schrift vertreibt den Sinn, sie codiert und notiert den Klang der Worte, malt eine Lautgestalt, die ohne Stimme nur Ruine bleibt. Ihre Konturen sind die Bruchlinien einer deutschen Biographie des 20. Jahrhunderts. "Denn sie haben ja noch gar nichts ge- Gäßnär Landmann: na sowas seh ich doch, da schteedoch noch alles wie gesdern: der Rätschunnes Broundunch … hap da nochn gleen Rest Subbe die is von...

By International Progress Organization (http://i-p-o.org/genet.htm) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Die Lärmabteilung

Eine Art, Jacques Derridas "Glas" von 1974 zu beschreiben, wäre die Buchgestalt in Augenschein zu nehmen. Ein quadratisches Format, 25 mal 25 Zentimeter. Die großen quadratischen Seiten weisen zwei Spalten auf, beide gleich breit, aber in der linken Spalte ist die Schrift kleiner und dichter gedruckt, in der rechten dagegen größer und weiter. Blättert man umher in diesem eigenartigen Buch des berühmtesten und einflussreichsten französischen Philosophen der Gegenwart, stößt man bald auf eine dritte Schrifttype, kleiner noch als die anderen beiden, in Passagen, die bisweilen in die beiden Hauptstränge des Textes hineinschneiden....

Fälschen und verkaufen

“Brauchen Sie eine Rezension? Bis zu einer Länge von 150 Wörtern rezensiere ich jedes Produkt, jede Serviceleistung oder oder jedes Unternehmen. Sie müssen mir nur einen Link zu den Informationen schicken, die ich rezensieren soll. Ich veröffentliche diese Rezensionen auf keiner Website, sondern schicke Sie Ihnen zurück und Sie können dann damit machen, was sie wollen.” Diese Dienstleistung wird auf der Plattform fiverr angeboten.  Fünf Dollar pro Rezension werden verlangt. Kritiker lautete die Berufsbezeichnung früher. Diese Anbieterin hier firmiert unter dem viel schöneren Benutzernamen “Articlequeen”. “Articlequeen” versteht sich aber nicht nur als...

Waffen und Besen

“Obsession with the semiotic erosion of meaning and reality led me to create objects that evangelize their own relevance by a direct fusion of word and form. Books (many culled from dumpsters and thrift store bins) are lovingly vandalized back to life so they can assert themselves against the culture which turned them into debris.” – Robert The, 1995 Was ist ein Autor? In Robert Thes Buchobjekten vermag der Autor sich auf einmal selbst zu erkennen: und zwar in dem Moment, wo ihm sein eigenes Buch als Pistole auf die Brust...

Kritik als Reparatur

[erschienen in: Perlentaucher, 22.07.2015] Die Kritik soll etwas finden ohne zu suchen. So beschreibt, wofür Literaturkritik stehen sollte, Wolfram Schütte in einem Essay für den Perlentaucher, in Anlehnung an Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre. Doch tatsächlich, lesen wir genau, findet die Kritik nicht, sondern bringt das, was sie suchen könnte und dann möglicherweise findet, selbst erst hervor. Und das nicht zur Selbstbefriedigung, sondern weil sie nach dem Besseren strebt. Das ist eine Haltung, klar. Um Haltungen ging es in der Perlentaucher-Debatte bislang kaum. Ekkehard Knörer hat ein paar wichtige Pflöcke eingeschlagen und...

Community und Kontext

Schreiben und Lesen verändert sich, wir wissen das. Was kann das für die Produktion von Literatur bedeuten? Für die Krimiautorin zum Beispiel, die für ihre Story recherchiert: Was geschieht mit dem ganzen Material, das sie zusammengetragen hat? Wie wäre es mit einem Making-of zu ihrem Buch? Kontext und Hintergrund auf einer Website zu erweitern, wäre auch für Sachbücher eine gute Möglichkeit. Leser können dann Fragen stellen, kommentieren und sogar eigenes Material hinzufügen. Man kann so aber auch Geschichten erzählen. So wie etwa Lynden Gillis das mit GetFisk! tut. So wie die...

„Beschneidet Amazon die Gedankenfreiheit?“

[Interview mit Kornelius Friz, aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Juli 2015]Amazon bezahlt seinen E-Book-Autoren seit Anfang Juli 0,006 US-Cent pro gelesener Seite. Bedeutet das eine Gefahr für das Schreiben und vor allem das Endprodukt, den Text?Man könnte den Spieß auch herumdrehen: Was ist interessant daran? Man sagt ja immer sofort, dass nun nur noch Cliffhanger eingebaut würden. Aus Autorenperspektive gesehen, ist es aber nicht so einfach, so zu schreiben. Natürlich gibt es Schreibratgeber, wie man einen Thriller oder eine Sitcom schreibt oder wo man einen Plot-Point setzt. Diese Art des...

Mark Terkessidis: Kollaboration, Suhrkamp

Kollaboration und Kontext

Wenn sich die Hierarchien zwischen Autor und Leser, Verlag und Leser einebnen oder gar aufheben, definiert sich das, was man als den Funktionszusammenhang von Literatur verstehen kann, gänzlich anders als bisher. Kollaborative und synergetische Faktoren beeinflussen Produktion und Rezeption. Was Texttheorien schon seit etlichen Jahrzehnten als Intertextualität formulieren, als das Zusammenspiel von Ko- und Kontexten, was eine auf die literarische Ästhetik übertragene Frametheorie beschreiben müsste: das hebt die Literatur als Ganzes aus den Angeln. Genauer: das, was gemeint war, wenn von der Literatur gesprochen wurde. Gemeint war damit eigentlich immer eine...