Das schreibende Ich und das geschriebene Ich

Einführung in die literarische Teratologie: Proust Beckett Barthes Teratologie Literatur ist Teratologie, sagt Mircea Cartarescu. Eine Fehlbildung. Die Geburt von etwas Monströsem. Symptom einer lebenslangen Krankheit namens Heimweh: Nostalgia. Nostos, das Nachhausekommen, und Algos, der Schmerz. Schwarz wie die jüngere Schwester, die Melancholie. Cartarescus sechzigjähriger Ich-Erzähler hat sein Leben lang Literatur geschrieben. Doch nun soll das, was wir gerade beginnen …

Über Social Reading

Buchreport, 2. Oktober 2015 Guido Graf und Daniel Acksteiner über Social Reading„Mehr als Marketinginstrument, Quasselbude oder Troll-Spielplatz“ Social Reading bei Sobooks. Welche Perspektive hat die gemeinschaftliche Lektüre digitaler Texte? Wie groß ist das Potenzial an Schulen und Hochschulen? Haben kleinere Social Reading-Anbieter eine Chance im Vergleich zu Amazon & Co.?  Guido Graf (Autor, Journalist, Hochschuldozent) und Daniel Acksteiner (Leitung Online-Marketing & Social Media beim …

Wann, wenn nicht jetzt

„Rainald Goetz“ von Lesekreis - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rainald_Goetz.jpg#/media/File:Rainald_Goetz.jpg

Johann Holtrop, der Titelheld in Rainald Goetz‘ Roman, sitzt in einem Hotel in Hongkong und liest mit Wohlbehagen das Portrait, das in einer Wochenzeitung über ihn erschienen ist. Der Zukunftsfreak– so ist es überschrieben. Dieser Zukunftsfreak ist CEO eines Medienunternehmens und Goetz erzählt vom Absturz seiner Karriere. Dieser Zukunftsfreak ist auch eine Figur des Nächsten – und zwar weit weniger …

Das Herz der Zukunft schlägt kollaborativ

Als The Future Heart schreibt Wayne Coyne, Kopf der amerikanischen Rockband The Flaming Lips, auf Facebook. Der Name ist mehr als ein bloßer Witz. Wer die Einträge liest und dazu hört, was für Musik Coyne produziert, der weiß: The Future Heart enthält gleich ein ganzes Konzept für die Autorschaft der Zukunft. Über Facebook wird Material gesammelt für eine Youtube-Musicalshow. Über Twitter wird …

Die Nabe

By Bjørn Erik Pedersen (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

Wie man ein Leben erzählt: so lautet die scheinbar simple Aufgabe, der sich der norwegische Schriftsteller Jan Kjaerstad mit seiner Roman-Trilogie über den Fernsehstar Jonas Wergeland gestellt hat. Vor drei Jahren erschien – immer in der eleganten und souveränen Übersetzung von Angelika Gundlach – der erste Teil: „Der Verführer“. Mit „Groß denken“, einer nach einem Ibsen-Zitat programmatisch benannten Dokumentarserie über …

krampfig an den rand geschmiegt

By Karl Bauer [Public domain], via Wikimedia Commons

Karl Wolfskehl ist als Dichter nahezu vergessen. Als einer der ersten im Kreis um Stefan George, als Barock-Spezialist, Schwabinger Bohemien, jüdischer Hymniker wurde und wird er nur am Rande wahrgenommen. Das hat Tradition. Hugo von Hofmannsthal schrieb schon 1897 an George, daß er zu den Dichtungen „von Herrn Wolfskehl … weder früher noch später eine wahre Beziehung finden” könne, gleichwohl …

Das offizielle Organ des Todes

By Amrei-Marie (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Einem Menschen, der leben will, heißt es in Kafkas Prozess, hält die Logik nicht stand. Die Ordnung der Ökonomie, die sie aufrecht erhalten soll, schließt gerade das Lebensnotwendige, die Leidenschaft aus. Dieser Konflikt hat eine Geschichte und er hat die Menschen verändert, ihre körperliche und geistige Identität, ihre Gesellschaft, ihre Vorstellung vom Tod. Dieser Mensch, den Ernst-Wilhelm Händler mit seinem …

Und dann

By Thakrta (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

Im fröhlichen Dilettantismus des unerschöpflichen Notizheftes seiner Oma Laura findet Bora Ćosić das Material für seine Bücher. Ohne dieses Heft, behauptet Ćosić, „hätte es auch den Roman ‚Bel tempo‘ nicht gegeben, in dem meine Oma, endlich zum Leben erweckt, so spricht, wie sie sprechen würde, wenn sie leben würde und sich entschlossen hätte, eine Geschichte zu schreiben.” Da sitzt sie …

Wir sind nur Geister derer, die wir sein sollten

© Danumurthi Mahendra, CC

Vor Schrecken starr läßt den Leser schon das erste Kapitel von James Hamilton-Patersons Roman „Die Geister von Manila. Wir tauchen ein in den schwärzlich-bräunlichen Dunst über der philippinischen Hauptstadt, wir landen mit der jungen Archäologin Ysabella Bastiaan, Tochter eines früheren britischen Botschafters auf dem International Airport. Doch schon gleitet der Blick des Erzählers ab an die Peripherie des Flughafens. Unter dem …